Mumbai, Bombay, oder wie das heisst

Genialerweise hat die Lufthansa unseren Flug von Goa nach Mumbai um 12 Stunden vorverlegt und uns auf die Weise zwar einen Tag Strand gekostet, aber eben auch einen Tag Grosstadt geschenkt. Viel Bock auf Dreck, Gedrängel und Lärm haben wir zwar nicht, aber wir sind hier ja nicht zum Spass.

In Mumbai angekommen fahren wir mit dem Bus vom nationalen zum internationalen Flughfen, um dort – welch naive Vorstellung – unser Gepäck einzuchecken. Das geht erst 3 Stunden vor Abflug, also ab 22 Uhr. Vorher gibts keinen CheckIn. Servicewüste Lufthansa. Zum Glück kann man für billige 20 Euro das Gepäck beaufsichtigt lagern.
Der Flughafen liegt knapp 30km ausserhalb und weil Zugfahren eh noch auf der ToDo-Liste steht, nehmen wir die Metro und den Vorortzug. Praktisch: kostet pro Nase 44 Cent. Die Metro ist supermodern, klimatisiert, Streckenplan an Bord und Durchsagen auf englisch. Trotz Rushour auch angenehm leer. Was haben die alle nur wegen den indischen Zügen, ist doch wie zuhause. Nach vier kurzen Stationen ist die Endstation Gatkopar erreicht, hier sagt unser vom Fahrkartenschaler aufgeschriebener Zettel “Buy Ticket for Mazibandar“. Kurz in die Schlange der Pendler einreihen, zwei Tickets erstehen und die richtige Platform finden. Einfach. Dann kommt der Zug, bzw. das, was man hier so bezeichnet. Menschen hängen zu den offenen Türen raus, springen währen der Einfahrt in den Bahnhof ab, neue Reisende springen schon auf, bevor der Zug steht. Wir machen das wie zivilisierte Europäer und steigen erst zu, als der Zug steht. Das hat den entscheidenden Vorteil, dass man während der Fahrt nicht so schwitzt, weil zumindest ich halb (die Vernunft…) draussen hänge.
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Schlecht sind zwei Sachverhalte: wir sind a) in den falschen Zug gestiegen und b) steigen immer mehr Menschen in den eigentlich leicht überfüllten Zug. So sind wir irgendwann mittendrin und haben sogar einen Sitzplatz. Wieder kommt eine Endstation, somit die einzige Möglichkeit zum Aussteigen.
Wir besteigen nach geübtem Muster den richtigen Zug, Platz an der Tür inclusive. Nächste Herausforderung: wir stehen in Fahrtrichtung links und haben keine Ahnung, auf welcher Seite wir raus müssen. Bei der Einfahrt in den Zielbahnhof stellt sich raus, dass es rechts ist. Hindi kann ich nicht, englisch die Inder nicht, bleibt nur bayrisch – laut und deutlich. Anderthalb Stunden Abenteuer sind bewältigt. Durchschnittlich 16 Passagiere pro Tag können das nicht von sich behaupten. Haben wir hinterher gelesen.
Der Tagesplan sieht vor, den im Marktviertel gelegenen Chor Bazar und den nicht weit entfernten Crawford Market zu besuchen. Der Chor Bazar bieter hauptsächlich Werkzeug, Auto- und Motorradteile sowie Antiquitäten und Möbel.
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Die Ersatzteilgewinnung findet hier direkt in den Gassen des Bazars statt. Kein Fitzelchen bleibt übrig, alles wird irgendwie einer neuen Verwendung zugeführt.

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Und irgendwann finde ich hier auch den sog. IT-Inder, von dem schlaue Berater sagen, man müsse ihm seine IT auslagern, wenn man konkurrenzfähig bleiben will 😉

IT-Inder
Im Marktviertel fallen die vielen Träger, genannt Wallahs auf. Den Chaiwallah (Tee) kennt man ja und auch die Dabawallahs (Essen in Blechdosen) sind seit dem TopGear Special Indien bekannt. Manche tragen ihre Lasten auf Kopf oder Rücken, andere haben Karren. Folgende Aufzählung denkt man sich am Besten mit der Stimme von Bubba aus Forrest Gump: Es gibt Gemüsewallahs, Mangowallahs, 3m-Vierkantstahlrohrwallahs, Gasflaschenwallahs, Müllwallahs. Ich denke, das Prinzip ist jetzt verstanden. Ein schöner Beruf an der frischen Luft, wenn man nicht gerade von einem Taxi, Bus oder LKW umgenietet wird, man bewegt sich ja auf der Strasse.

Muellwallah

Muellwallah2

Universalwallah

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Offensichtlich muss das Gate of India etwas ganz tolles sein, also fahren wir da auch noch hin. Und finden einen von Schleppern und Souvenirfotografen umlagerten Triumphbogen vor, der so in jeder besseren Stadt steht. Hab ich erwähnt, dass es heute lockere 40 Grad hat? Im um die Mittagszeit nicht zu findenden Schatten. Die Lösung für dieses Problem wie für ein weiteres liegt schräg gegenüber und heisst Taj Mahal Palace Hotel, genauer gesagt die dortige Tea Lounge. Hervorragend klimatisiert, die britisch zurückhaltend geschulten Ober übersehen geflissentlich unsere komplett nassgeschwitzten Shirts und servieren Assam-Tee, kolumbianischen Kaffe, Sanpellegrinowasser und hervorragene, hausgemachte Cookies. Da wir noch knapp 100 Euro in Rupies haben, nehmen wir die Erleichterung des Budgets um ein Viertel davon dankend an.
TMP

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Was fehlt denn noch an klassischen Indienaktivitäten? Richtig, mit einem Ambassador-Taxi fahren. Hier in Bombay gibts die Dinger noch, in Delhi und Pune sind sie schon ausgestorben. Vor dem Hotel halten wir einen Fahrer an und lassen uns über ein, zwei weitere Sehenswürdigkeiten zum Flughafen fahren. Auf dem Weg erfahren wir den Grund für das Ambassador-Sterben. Die Regierung erlaubt keine Taxis, die älter als 20 Jahre sind. Der, in dem wir sitzen wird dieses Jahr 20, dann wartet der Chor Bazar oder die Schrottpresse.
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Und jetzt die coole Geschichte zum Abschluss des Urlaubs.
Wir kommen an einer Enfield-Werkstatt vorbei und halten an. Weil ich auf dem Basar keine Enfield-Tankembleme gefunden habe kaufe ich dort zwei neue. Und vergesse sie beim Aussteigen im Taxi, was uns nach 10 Minuten am Flughafen auffällt. Zähfixnochamoi, man kann schon ein derartiger Depp sein! Und wer steht eine halbe Stunde später plötzlich mit der kleinen schwarzen Schachtel vor uns? Der Taxifahrer, der die Schachtel auf dem Rücksitz bemerkt hat, umgedreht ist und die Security bezirzt hat, sein Taxi verbotenerweise im Departure Bereich stehen zu lassen, um uns zu suchen.
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Danke, namenloser Held!